Sagen

Preußische Volkssage »Der Neidkopf«

Neidkopf am HansteinEin freundlicher, nach des Tages Hitze wahrhaft erquickender Sommerabend wehte seine kühlenden Lüftchen durch die Straßen Berlins und veranlaßte die Handwerker, ihre Arbeitswerkstätte zu schließen und sich durch einen Spaziergang vor den Toren oder unter den Linden zu erholen. Nur der Goldschmied Bergner hatte in seinem kleinen baufälligen Häuschen auf der Heiligengeiststraße noch seine Werkstatt zu ebener Erde offen und arbeitete so munter, als andere Meister kaum am Morgen beginnen, wozu ihn aber weder Ordnungslosigkeit noch Geiz, sondern Armut nötigte; denn wenn er Arbeit bekam, mußte er sie auch schnell beenden, um den Kunden zu gefallen und auch Lohn für seine Arbeit zu erhalten. So saß er auch eines Abends emsig beschäftigt, als ein Fremder in schlichtem Anzug bei ihm eintrat. Bergner, den guten Abend des Fremden freundlich erwidernd, blickt auf und erkennt in ihm seinen - König Friedrich Wilhelm I., der ein besonderes Vergnügen daran fand, in einem einfachen Anzug abends auf den Straßen zu lustwandeln und das Tun und Treiben seiner Bürger zu beobachten. Der König fragte, warum er noch so spät arbeite, da alle Meister und Gesellen längst Feierabend gemacht hätten und seine Arbeit sich doch weniger gut bei Lampen- als bei Tageslicht verrichten lasse.

Bergner kannte den edlen Charakter, aber auch die sonderbaren Launen seines Königs, der ihn mit Freundlichkeit anblickte, und schilderte ihm fast beredt die drückende Armut, in der er lebe, und wie er nicht selten Bestellungen von Arbeit zurückweisen müsse, weil er die dazu nötigen Auslagen an Gold und Silber nicht aufzubringen vermöge und so nichts Erhebliches erwerben könne!

Dem König, der den Goldschmied schon öfter beobachtet und sich nach seiner Kunstfertigkeit erkundigt hatte, gefiel die anspruchlose Offenherzigkeit des Mannes, und er bestellte bei ihm ein goldnes Service, wozu ihm das nötige Metall aus der Schatzkammer geliefert werden sollte.

Nachdem der König die Werkstatt verlassen hatte, dankte der wackere Goldschmied Gott für die Hilfe, die ihm zuteil geworden war, schloß seinen Laden und erzählte den Seinen, welch einen Besuch er gehabt habe. Schon am nächsten Tag erhielt er das Gold, und Bergner war nun noch fleißiger, als er es je gewesen war. Der König wiederholte oft seinen Besuch, sah lange und aufmerksam der Arbeit des geschickten Künstlers zu, die ihm wohlgefiel, und freute sich sehr auf die Vollendung des Services.

Bei einem dieser Besuche bemerkte der König in den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses zwei weibliche Personen, welche dem Goldschmied, wenn er einmal von seiner Arbeit aufblickte, abscheulich verzerrte Gesichter machten. Er fragte den Goldschmied, warum sie das täten, und dieser berichtete ihm, daß es die Frau und Tochter eines Zunftgenossen wären, die ihren Ärger und Neid über die hohe Ehre, die ihm selbst durch Seine Majestät zuteil werde, dadurch zu erkennen gäben; auch gestand er dem König, daß er diese Weiber, die ihn schon gar oft in seiner Arbeit gestört hätten, mit ihren Fratzengesichtern unter den Verzierungen einiger Silbergeschirre abgebildet habe.

Der König, obwohl ärgerlich über so kleinlichen Brotneid, konnte sich doch eines Lächelns über das Geständnis des Goldschmieds nicht enthalten und beschloß, etwas Ähnliches zu tun. Das Goldservice wurde fertig und vom König mit großem Beifall aufgenommen. (Es soll bis zum Jahr 1807 noch im Gebrauch des königlichen Hauses gewesen sein.) Bald nach dessen Ablieferung erhielt der Goldschmied vom König Befehl, sein Haus zu verlassen und in eine andere für ihn bestimmte Wohnung zu ziehen. Bergner gehorchte gern; ob er gleich nicht wußte, was der König mit ihm vorhabe, so durfte er doch vermuten, daß er einen neuen Beweis von dessen Güte erhalten werde, und er hatte sich nicht geirrt: denn auf königlichen Befehl wurde sein altes, ganz baufälliges Haus niedergerissen und dafür ein neues, schöneres errichtet, das noch jetzt in der Heiligengeiststraße Nr. 38 zu sehen ist. Dieser Bau gab dem König Gelegenheit, seinen Vorsatz auszuführen und die neidische Frau und Tochter des gegenüber wohnenden Goldschmieds auf eine empfindliche Weise zu strafen. Er ließ nämlich in der Mitte des Hauses nach seiner Länge, zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk, in einer Vertiefung ein weibliches Brustbild fast in Lebensgröße anbringen, dessen Gesicht abscheulich verzerrt und dessen Kopf statt der Haare mit Schlangen bedeckt ist. Die Zunge bläkt es aus dem Mund nach dem gegenüberliegenden Hause. In diesem Zerrbild sollten die neidische Frau und Tochter des ändern Goldschmieds sich erkennen und schämen. Von der Zeit an wurde das Haus der Neidkopf genannt, und das Bild ist bis jetzt erhalten worden.

Quelle: Ziehnert, Widar / Preußens Volkssagen, Mährchen und Legenden, 2 Bde., Leipzig 1839/ 40

 

Mitleid bekommst Du geschenkt,
Neid musst Du Dir redlich verdienen.
(Redensart)

 

Der Neidkopf am Hanstein

Neidkopf am HansteinEin starkes Rittergeschlecht waren die Hansteiner, die niemanden neben sich und auch möglichst keinen Herrn über sich dulden wollten. Zudem zeigten sie keinen Respekt vor Leuten, die ihnen nicht genehm waren, ganz gleich, um wen es sich handelte. Einen Beweis ihres Hochmutes gibt es noch heute. Neben einem Tor ist der in Stein gehauene "Neidkopf" eingemauert. Das ist ein fratzenhaftes Menschengesicht, welches zum Ludwigstein hinüberschaut. Mit diesem Gesicht hat es folgende Bewandtnis:
Am Fuß der Burg, unten im Tal der Werra, begann früher der Besitz der Landgrafen von Thüringen. Auch vor diesen hatten die Hansteiner keine große Achtung. Als Herren weiter Besitzungen ließen sie überall ihren Hochmut spüren. Zudem lag die Wartburg weit weg und eine schützende Veste hatten die Thüringer in diesem Teil ihrer Besitzungen nicht. So führten die Hansteiner viele ihrer Raubzüge in dieser Richtung aus. Im Jahr 1415 hielt es deshalb Landgraf Ludwig II. für angebracht, den Übermut der Hansteiner ein wenig zu dämpfen. Er ließ die Burg Ludwigstein bauen, jenseits der Werra, dem Hanstein genau gegenüber.

Die Hansteiner aber lachten über diese Burg, und um ihre Verachtung zu zeigen und die Ludwigsteiner zu verhöhnen, ließen sie den "Neidkopf", einen häßlichen Steinkopf mit herausgestreckter Zunge, in die Mauer des Burgtores einsetzen und zum Ludwigstein hinüberschauen.